Review “Pearls, Tears of the Sea”

Pearls, Tears of the Sea

Von Dorothee Brinker, 25. Januar 2012

Vielleicht sind sie das schönste Geschenk der Meere und Flüsse an uns Menschen: Perlen. Ihre schimmernde Magie bezaubert seit Jahrtausenden über Länder und Kulturen hinweg. Als Inspirationsquelle für Generationen von Künstlern aller Sparten ist die geheimnisvolle Ausdruckskraft von Perlen bis heute erhalten geblieben. Aber kann eine künstlerisch-ästhetische Umsetzung des Perlenwunders in einem Buch heute dem Thema noch irgendetwas substantiell Neues hinzufügen? Barbara Luisi ist mit ihrem anspruchsvollen Buchprojekt einen risikoreichen Weg gegangen, der das Scheitern als Option mit beinhaltete. Ihr kreativer, ja abenteuerlicher Ansatz, der Tiefe des Meeres den Perlenschatz für den Moment der Fotografie zurückzugeben, um die schimmernden Schätze als Naturereignis in einer authentischen Inszenierung zu erfassen, wurde fürstlich belohnt. Der österreichische Böhlau-Verlag zog alle Register verlegerischer und drucktechnischer Kompetenz und schuf so den prachtvollen Rahmen für die Luisi-Fotografie. Dass dem Kunstobjekt ein musikalisches Kleinod mit Perlengedichten und -Liedern als CD beiliegt, ist wohl vor allem der symbiotischen Kraft geschuldet, die Barbara Luisis Ehemann Fabio, Principal Conductor der Metropolitan Oper New York, in das Projekt einfließen ließ. Michael Heltau als genialer Rezitator und ein erlesener Sängerkreis von Christoph Prégardien bis Jane Henschel machen “Pearls. Tears of the Sea” zu einem editorischen Ereignis. Nur eine Geschmacksfrage: Vielleicht hätte man manche Perlenabbildungen in einer gemischt-matt-hochglänzenden Drucktechnik noch adäquater umsetzen können. Vielleicht aber auch nicht. Barbara Luisi wird das alles probiert haben.



Review “Nude Nature”

Der Blick der Erde auf den Körper der Frau

Von Matthias Lubinsky, Berlin, 2. Juni 2008

André Breton schrieb 1927 in »Le Surréalisme et la Peinture« über Man Ray, dieser sei bei seiner Kunst vom photographischen Abbild ausgegangen: »weit davon entfernt, ihm ganz zu vertrauen, benutzte er es nur von Fall zu Fall, je nach seinen eigenen Intentionen, je nach dem Gemeinsamen, das es uns in der Wiedergabe vermittelt«. Dadurch hätte Man Ray der Photographie »mit einem Schlage« das Positive genommen. Die Photographie habe ihre arrogante Haltung verloren, die sie sich anmaßte, »sich nämlich als das auszugeben, was sie gar nicht ist. Wenn tatsächlich eben für Raimundus Lullus der Spiegel ein durchsichtiger Körper ist, der alle Erscheinungen, die ihm vorgehalten werden, in sich hineinnehmen kann, so lässt sich das vom fotografischen Abbild nicht behaupten, das von den Erscheinungen von vornherein ein vorteilhaftes Aussehen fordert und das dann nur das Äußerste und Flüchtigste an ihnen erfasst.«
Man Ray ist eines von zwei großen Vorbildern, die die Photographin Barbara Luisi explizit nennt. Nun ist ihr erster Bildband bei Böhlau/ Wien erschienen. »Nude Nature« lautet der un-eindeutige Titel. Auch er eine Besinnung auf Wortspiele, die die Surrealisten so liebten.
Barbara Luisi placierte ihre weiblichen models in die Erde, in das Autochthone, wenn man so will, in der Umgebung des süditalienischen Städtchens Matera. Die Kapitel heißen Terra, Aqua, Aria. Es sind diese Naturelemente, die der Frau jeweils die Basis geben, ihren Körper damit in Schwingung bringen zu lassen. Barbara Luisi hat dabei scheinbar nichts getan. Die Künstlerin, in ihren bearbeiteten Photographien absolut präsent, – scheint dennoch bei intensiver Betrachtung zurückzutreten. Die Frauenkörper wirken IN der Erde. Sie wirken geradezu plastisch. Und die Natur, die Steine, der Himmel und das Wasser, – all das uns am Leben Erhaltende wirkt hier erst durch den Contrapart des weiblichen Aktes.
Die Sonne, dieses famose Licht tut ihr Übriges hinzu. Die Szenerie wirkt statisch aufgeladen. Der Betrachter ist in den Bann gezogen der südlichen Sonne. Man spürt in der Belichtung der Aufnahmen die mediterrane Energie.
Zur gleichen Zeit wie André Breton hat sich Walter Benjamin mit dem »Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit« beschäftigt. Er kam zu dem Ergebnis, dass die massenweise Reproduktion eines Kunstwerkes dessen Bestand nicht tangiere, aber sein »Hier und Jetzt« entwerte. Benjamin gab dem den Begriff der Aura: Mit zunehmenden Reproduktionstechniken verflüchtige sich die Wahrnehmung des Kunstwerkes, – seine einmalige und unwiederbringliche Aura verliere an Substanz.
In diese Kontextualität passt das zweite Vorbild der Künstlerin nur zu gut: Der japanische Photograph Eikoh Hosoe, der dem opulenten, quadratischen Photoband eine kurze Einleitung beisteuerte, gilt als der bedeutendste japanische Nachkriegsphotograph. Er kreierte einen völlig neuen Stil, in dem erzählerische und graphische Elemente in eine Bewusstseins-Ästhetik zerfliessen. Hosoe hat es in seinen Photos vermocht, die gegenseitige Beeinflussung von Geschehen und moderner Kunst transparenter werden zu lassen. Nicht nur sind seine Photographien beeinflusst von Gesellschaft, Zeitgeist &C. &C. Die Werke ihrerseits geben Impulse für die Wahrnehmung der Menschen.
Der Einfluss vom Man Ray und Eikoh Hosoe ist spürbar. Greifbar. So kann man Barbara Luisis Photos – im doppelten Wortsinn – sehen als quasi seismographische Abbildungen der Photokunst am Anfang des 21. Jahrhunderts, wo uns gewahr wird, wie tief die Veränderungen sein könnten, die die globale Digitalisierung nach sich zieht.



Review “Nude Nature” von “The Art of Culture”

NUDE NATURE

ein Photobuch von Barbara Luisi

Ihre Bilder sind in der Tat außergewöhnlich; die in Wien lebende Künstlerin Barbara Luisi bedient sich in ihrem neuesten Bildband „Nude Nature“ zum einen einer überraschenden Farbtechnik, zum anderen aber (was auf eine gewisse Art und Weise noch viel überraschender ist) auch einem sehr weiblichen Blick auf ihre nackten Modelle, die thematisch variiert zu einer einzigen Einheit verschmelzen.
Der Bildband, welcher thematisch um die Elemente Hitze, Wasser, Stein und Sand gruppiert ist, fordert dem Betrachter zu Beginn einiges an Eingewöhnung ab; zu ungewohnt ist die Bildsprache der Photographin. Sobald man aber einmal ihren Blick auf die Dinge verstanden hat, wird man viel Vergnügen an diesem großformatigen, sehr kunstvoll und einzigartig aufgezogenen Bildband haben.
Die sehr weibliche Bildsprache überzeugt und macht den Band zu einem Stück Photokunst, welche es sich lohnt, im Regal stehen zu haben.



Review “Glühende Nacht”

Der Sinn für den einmaligen Augenblick

Von Matthias Lubinsky, Berlin, 15. Dezember 2008

Nacht im digitalen Zeitalter. Die EU schafft die Glühlampe ab. Dabei ist es kaum hundert Jahre her, als Walter Benjamin noch das »Gaslicht der frühen Abende« besang. Ihre Ersetzung durch elektrische Straßenbeleuchtung kam ihm einem Kulturschock gleich.
Dennoch gibt es Urbanität. Immer noch. Aber wie diese festhalten? Und: Gibt es einen Weg, das Medium der digitalen Photographie zu nutzen als kongeniales Mittel im beginnenden 21. Jahrhundert? Barbara Luisi zeigt, dass es geht. Ihr neuer Bildband »Glühende Nacht. Artificial Lights« beschäftigt sich mit der Wahrnehmung von Licht in der Dunkelheit. Mehr als ein physikalischer Zustand wird gebrochen, wenn eine Lampe die Dunkelheit verdrängt. Wird in für den Menschen nicht ermessbarer Geschwindigkeit in einen anderen versetzt. Es verändert sich auch unsere Aufmerksamkeit. Verändert sich auch unser Seelenzustand?
Die meist großformatigen Photos kreisen folglich um Begriffe wie die blaue Stunde, tiefe Nacht und Dämmerung. Ein kurzer Text leitet die Stimmung zu jedem Kapitel ein. Ergänzt werden die wirkungsmächtigen Aufnahmen durch einige wenige Gedichte. Diese sind wohltuend-stimmig gewählt. Sie unterstreichen die Position des Buches an der Spitze der internationalen Photo-Bildbände.
Barbara Luisi macht intensive, in sich geschlossene Photobücher. Ihr voriges hieß »Nude Nature« und stellte den weiblichen Körper als autochthone Statue auf Felsen, ans Meer. Umspült von den Wellen der Brandung und dem Licht der mediterranen Sonne wurden Frauenkörper und Erde eins. Dennoch verleugneten die Photos nicht die naturgegebene Opposition zwischen beiden. Nun also die urbanen Metropolen: Rom, Paris, New York, Genua, Madrid und Wien sind Bühne der digitalen Meisterin zu Anfang des 21. Jahrhunderts.
Barbara Luisi war zehn Jahre in den bedeutendsten Orchestern Europas Geigerin. Sie selbst sagt, diese Zeit habe ihr Leben geprägt. Sie habe ihr den Blick für das Wesentliche geschärft. Für den unwiederbringlichen Augenblick. Gelungen ist ihr nun so etwas wie Kontemplation im digitalen Zeitalter.
Anstatt in elegischer Erinnerung zu verharren, lässt sie den endgültigen Abschied vom gerade erlebten Moment zu. Da das Licht minutenlang in die Kamera fließt, erhält der Augenblick eine Dimensions-Erweiterung. Zeitpunkt wird Zeitraum. Der Augenblick erhält damit Räumlichkeit. Statt des Ortes etwa den Quai Voltaire an der Seine hält die Photographin den Moment fest. Sie macht mithin nicht Paris oder Barcelona zum Thema, sondern den Augenblick an ihrem Standort. Die Photographin hält den Moment fest, der jeweils schon vergangen ist, wenn er dem Betrachter bewusst oder vielleicht nur gewahr geworden ist.
Den Aufnahmen eignet Zeitbewusstsein nicht als vordergründiges Motiv, sondern als geistiges Plateau. So wird der Bildband zu einem kontemplativ-melancholischen Abschied vom jeweils vergangenen Augenblick.
Die Ironie ist: Die so flüchtige Digitaltechnik hält ihn fest und lässt ihn ästhetisch-zeitgemäß bearbeitbar werden.
Der Sinn für das Einmalige führt zu Unvergänglichkeit.



Review “Glühende Nacht”